Swiss Alpine Davos 2011

Event Stats:
Name Swiss Alpine K78
Date 07/30/2011 
Location Davos,Switzerland
Event Ultramarathon
Finish Time 12:38:00

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04:30 Aufwachen, auf die Uhr (Handy) schauen. Handy hat sich aufgehängt. Reboot. Sehr gut, noch 15 Minuten, bis der Wecker nicht geklingelt hätte.

04:45 Wecker klingelt, sofort wach. Aufstehen, Wasser trinken, Espresso trinken, was anziehen. Ferngesteuert. Zum Frühstück. Das soll es ab 5 Uhr geben, aber die sonst so pünktlichen Schweizer haben zwei Minuten Verzug. Der wartende Mob grummelt seine Unzufriedenheit vor sich hin. Es riecht nach nicht geduscht, Sonnencreme und Voltarensalbe. Frühstück mit frischen Gipferln, morgens um fünf, Schweiz eben. Aber so richtig mundet es nicht, alles ist wie programmiert. Die Anspannung fast greifbar im Raum.
05:15 Zurück ins Apartment. Duschen, eincremen, anziehen, packen. Gel an den Race Belt, Drops in die Jackentasche, Salz zusammen mit Geld und der Rettungsdecke in einen Gefrierbeutel, damit das Zeug trocken bleibt. Stapel für Rucksack, Kleiderbeutel und „gleich anziehen“. Alles hat seinen Ort, die Handgriffe sitzen. Routine. Der Plan ist schon seit gestern im Kopf abgeschlossen. Jetzt wird nichts mehr geändert, das ginge nur daneben.
06:15 In der Bergbahn vom Hotel zum Start. Verhaltene Konversation. Bedeutungslos, aber hilfreich gegen die Anspannung. Langsames Gehen zum Start. Fast wolkenlos, recht kalt. Beutel abgeben. Nochmal pinkeln. Von der Atmosphäre am Start bekomme ich nichts mit, bin in mir selbst eingeschlossen.
06:58 Vangelis. Chariots of Fire. Was sonst? Ein Kuss für meine Freundin [die später ihren ersten Halbmarathon, den K21 laufen wird :-) ] Ab zum Start, den ich nicht richtig mitbekomme. Irgendwann bewegt sich der Tross vor mir.
07:03 Es geht los. Kleine Schritte, die Beine sind schwer. Die Übereifrigen – oder einfach Schnelleren – überholen links und rechts. Erst mal geht es eine große Schleife durch Davos, nach 3 km nutze ich die letzte Chance einer **** Toilette im Hotel Post, um zu wursten. Immer leicht bergab, ein kleiner Anstieg bei Suzi, ansonsten komme ich langsam in meinen Trott. Der erste echte Anstieg geht nach Spina, die Stimmung dort entlohnt gebührend.



Weiter über Monstein mit seiner schönen Kirche. Es finden sich Gesprächspartner. Meine Schuhe und das Barfußlaufen. Immer wieder. Aber auch anderes. Gemeinsame Bekannte, Läufe, Erfahrungen. Zwischendurch immer wieder Engstellen. Single File. Einer überholt, der andere kommt nicht durch. Gespräch zu Ende. Wiesen Bahnhof. Noch recht viele Zuschauer, etwas trinken, dann das Landwasser Viadukt.



Beeindruckend. Der tief schwebende Hubschrauber übertönt die Alphörner, die sich auf der andren Seite der Schlucht aufgestellt haben. Dann der letzte steile Anstieg und es geht abwärts nach Filisur.
10:28 Ankunft in Filisur. 3:25:04, eine halbe Stunde schneller als letztes Jahr. Hier ist das Ziel des C30, daher gibt es viele Zuschauer und gute Stimmung. Erstmals feste Nahrung am Verpflegungsstand. Alpinbrötli und Bouillon. Schlechte Idee, mir wird sofort übel. Ziemlich flach geht es zunächst weiter, nach knapp 3 km beginnt ein leichter Anstieg. Der Magen schlecht, das Bein schmerzt. Ich gehe, werde von vielen überholt. Eine kleiner Gruppe von drei Läufern sticht heraus. Keine Ahnung, warum. Sie sind gut drauf, unterhalten sich. Einer trägt einen auffälligen Triathlon-Einteiler. Mein Feindbild für den Tag. Eine nagelneue Holzbrücke markiert den Beginn der neuen Streckenführung. Statt links auf der Passstraße zu bleiben, geht es heuer rechts den Hang hinauf. Immer steiler wird der weg, bis sich das nächste Etappenziel am Waldrand offenbart. Halb links, 2 km weit weg und geschätzte 100 m unter mir. Danke für die Extra-Höhenmeter. Die Strecke zieht sich noch ein gutes Stück.
12:10 Ankunft in Bergün. Exakt dieselbe Zeit wie im letzten Jahr, der Vorsprung ist dahin. [Allerdings glaube ich, dass die Strecke 2-3 km länger war und wir dafür eine Schlaufe weniger durch Bergün gelaufen sind, was sich auch mit der nächsten Zwischenzeit deckt] Aber egal. In Bergün gibt es erst mal Kleiderwechsel. Langes Shirt weg, neue Schuhe, Gels auffüllen. Der Magen ist besser. Neben mir ein Läufer, dessen Vater ihm eine Jacke reicht. „Hör auf mit den Klamotten, mir ist warm.“ Ich drehe mich zur Seite, rate „nimm lieber ne Jacke mit, oben ist es heute ziemlich schattig. Vorhin waren es knapp Null Grad an der Keschhütte.“ Er, grandig: „Ich bin letztes Jahr schon dort gewesen, es ist gar nicht kalt da.“ Alles klar. Ich laufe weiter.
13:25 Durch viel Geröll ging es mit mäßiger Steigung bis nach Chants. Es ist recht warm, in noch mal was zu essen, dann kommen nur noch Getränkestände bis zur Hütte. Nach Chants beginnt der richtige Anstieg, irgendwann scheint es nur noch nach oben zu gehen. Auf halbem Weg setzt Regen ein. Es wird sofort merklich kälter. Kleine Schritte, keine Pausen, ein Fuß vor den anderen. Letztes Jahr bin ich an diesem Stück mental kaputt gegangen. Diesmal ist es gut. Ein kleiner Schritt. In 2010 sind die
langsamen Läufer 2 Stunden vor dem Hauptfeld gestartet. Auf dem engen Pfad zur Keschhütte wurde ich ständig überholt. Musste anhalten und andere passieren lassen. Ein kleiner Schritt. Kam nicht in einen Rhythmus. Heute bin ich einfach Teil der Kolonne. Ein kleiner Schritt. Der Regen kühlt. Viele um mich herum frieren. Ich finde dagegen Kraft in der Nässe. Ein kleiner Schritt. Ich werde nicht überholt, überhole sogar ein- zweimal selbst. Ein kleiner Schritt. Das steile Stück ist vorbei, noch einmal trinken, dann ist die Hütte schon zu sehen. Noch ein bisschen weiter. Ein kleiner Schritt.
14:54 Angekommen. Ich kann sogar für das Foto lachen. Bestandsaufnahme: Kalt, aber im Rahmen. Erschöpft, aber nicht sehr. Zeit: Fast eine Stunde besser als im Vorjahr. Aufwärmen in der Keschhütte bei einer Tasse heißem Kaffee. Ein großer Luxus. Gut, immer Geld dabei zu haben. Dann weiter. Um mich herum frierende Läufer. Idioten, die ohne Jacke auf fast 3000 m Höhe laufen. Kein Mitleid, kein Respekt. Eher Zorn. Schlagen möchte ich sie Die Spitzenorganisatoren haben Regenjacken ausgelegt. Würde ich nicht tun. Ich würde die Leute verrecken lassen. Hier gibt es nichts unvorhersehbares. Wir sind in hochalpinem Gelände, da wird es mal kalt. Das Leben ist kein Ponyhof. Die Leute sind nur zu dumm. Wie an der Zugspitze.
15:48 Nach kurzen Abstieg auf halber Höhe am Hang entlang, bis zum Abzweig nach Sertig. Ab hier beginnt Neuland. Erst mal sieht’s so aus wie auf der anderen Route. Mäßige Anstiege wechseln sich mit flachen Passagen ab. Ein See auf großer Höhe, fast idyllisch, wenn die Landschaft nicht von den zahlreichen orangenen Regenjacken durchzogen wäre, die sich den Berg hochkämpfen.

Irgendwann dann am Sertigpass. Hatte mir die Uhrzeit gemerkt, vergessen. Bouillon und – endlich – Cola. Auf 2800m Höhe, inmitten einer Steinwüste. Schon geil, wenn man als Rennveranstalter einen Hubschrauber zur Verfügung hat. Dann Abstieg. Steil, steinig, beschwerlich. Der Weg ist nass, es ist rutschig. Oft geht es nur langsam vorwärts. Immer wieder blockieren Läufer den Weg, die konditionell am Ende sind. Blaue Lippen, zitternde Hände. Der Hubschrauber fliegt ständig Leute raus, doch viele sind zu stur um aufzuhören. Am Ende kommen 1219 von 1409 Startern an, 190 DNFs sind viel für einen solchen Lauf.

17:00 Noch knapp 20 Kilometer. Ich rechne, das geht wieder mit der Cola. 5 km pro Stunde, das reicht bis zum Zielschluss. Jetzt bediene ich mich des letzten Kickers: Stöpsel ins Ohr und Musik an. Der Weg wird breiter. Alles ist nass und rutschig. Ich fange vorsichtig wieder zu laufen an, immer schneller. Aber das kann auch Einbildung sein. Zwischendrin Schotter. Schlecht, die Füße sind müde. Irgendwann dann Straße, Asphalt. Das geht super. Auf einmal Abzweigung in den Acker. Knöcheltiefer Matsch, keine zwei Meter neben dem Asphalt. Was soll das? Irgendwann merke ich, dass ich wieder mehr Luft habe. Abwechseln zwischen laufen und gehen, letzteres wieder sehr zügig. Seitlich am Hang geht es auf die nach Clavadel. Irgendwie vergeht die Zeit, die Strecke. Ich stoße mir den Fuß an einer Wurzel. Am Abend wird der kleine Zeh blau sein, jetzt spüre ich nur einen kurzen Schmerz. Zwischenrechnung. Mehr als 6 km/h, das ist gut, das schafft ein Polster, falls ich doch noch einbreche. Ein paarmal werde ich mit großer Geschwindigkeit überholt. Zu früh; die, die ich mir gemerkt habe, konnte ich alle vor dem Ziel wieder fangen.
18:52 Ich hole meinen Feind ein. Der Mann im Triathlon-Einteiler steht am Rand, fragt einen Zuschauer wie weit es noch ist. In seinem Gesicht die totale Leere. Anschlag. Er tut mir leid. Kurz danach, der letzte Verpflegungsstand. Noch sieben Kilometer. Ein Anstieg noch zur Höhenklinik, dann bergab auf Davos zu. Noch eine letzte Schikane, dann geht es in die Stadt. Ich laufe, und scheinbar gar nicht langsam. Endlich Straße. Beton ist ein Wohltat. Nehme nochmal Fahrt auf. Kopfhörer ab, um die Sinne frei zu haben. Auf dem letzten Kilometer überhole ich bestimmt zehn Läufer.
19:41 Einlauf ins Stadion. Laute Musik, klatschen Zuschauer, ein kleiner Endspurt. Das war’s. 12.38:00, mehr als eineinhalb Stunden besser als im Vorjahr. Kurz ausruhen, Schuhe aus, Pulli an. Wieder Routine.
20:20 Warten auf die Bergbahn zum Hotel. Es ist kalt, das Zittern fängt an. Stimmung schlecht. Viel zu viel Unverarbeitetes, um sich zu freuen, statt dessen kann ich mich über ein Detail ärgern. Schade.
20:40 Am Eingang zum Restaurant: „Ich bin schmutzig und stinke, aber es hilft nix, ich brauche trotzdem was zum Essen“. „Willkommen in unserem Restaurant. Wir haben einen Tisch am Fenster für Sie freigehalten.“ So muss das sein.

Comments

  1. die Beschreibung von einem solchen Marathon zu jemandem der nie gelaufen ist, ist wie ein Versuch,eine Farbe für jemanden der blind geboren war zu erklaeren!Ich kann nicht entscheiden ob Du beim Laufen oder beim Schreiben besser bist!

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